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DAS WARME LICHT des frühen Morgens sickerte durch die dicht wachsenden, unbelaubten Äste. Aus den Wolken fielen seltsame weiße Flocken, die auf dem Boden landeten und ihn mit einer glänzenden Schicht bedeckten. Die helle Farbe dieser Decke tat beinahe schon ihn den Augen weh.

"Funkensprung! Was ist das da?", wollte Vanillejunges wissen und sprang auf den Bauch ihrer Mutter, die sich um ihre andere Tochter geschlungen hatte und sie so wärmte.

Die hellrote Kätzin öffnete verschlafen die Augen und schaute zu Vanillejunges auf. "Sei leise! Korallenjunges schläft noch." Doch ihre cremefarben und goldbraun getigerte Tochter machte ihr klar, dass sie eine Antwort haben wollte. Funkensprung lächelte. "Dein erster Schnee! Du kannst ihn berühren, keine Sorge."

Ohne weiteres machte sich Vanillejunges auf und hopste aufgeregt aus der Kinderstube, worauf sie schleunigst im tiefen Schnee versank, sodass nur noch ihre weiße Schwanzspitze herausschaute. Das Junges zog sie ein und grub sich schnell wieder aus, immer darauf bedacht, das Fell glatt zu halten. Ihr fiel auf, dass der "Schnee" ziemlich eisig war und man anscheinend schnell frieren konnte, wenn er unter das Fell auf die Haut gelang.

Der Frost glitzerte auf den Spitzen der Äste und Vanillejunges streckte ihre langen Beine, um daran zu schnuppern. Sie reckte die Nase ganz nach oben und verbiss sich mit den Zähnen in einen Zweig, um ihn nach unten zu ziehen. Es war eine Menge Kraft notwendig, um den dicken Ast in Reichweite zu befördern, doch plötzlich, als Vanillejunges die Krallen, mit denen sie sich in den Boden gegraben hatte, einfuhr, schwang der Ast zusammen mit ihr nach oben und sie knallte mit dem Kopf gegen den Baumstamm. Von der Kinderstube her hörte sie Funkensprung liebevoll lachen.

Da saß sie nun, hilflos und auf einem hohen Baum direkt neben der Kinderstube gefangen. Sie war nahe der Baumkrone, beim Springen würde sie sich also nur verletzen. Doch Balancieren war ihre große Stärke. Das könnte sie ja auch anwenden!

Ohne die Krallen auszufahren, hangelte sich die Kätzin von Ast zu Ast immer näher zum Boden, bis sie schließlich nur noch anderthalb Fuchslängen vor sich hatte. Komm schon, spring!, spornte sie sich an und dachte an den Blick, mit dem Korallenjunges sie anglotzen würde, wenn sie das sehen würde. Elegant ging sie in die Hocke und sprang dann wie ein Eichhörnchen vom Baum, bis sie kopfüber erneut im Schnee unterging.

"Gut gemacht!", hörte sie die gedämpfte Stimme einer anderen Katze, die zum Krieger Dunkelpelz gehörte. Hatte er sie etwa die ganze Zeit beobachtet? Hoffentlich nicht ... Der Kater streckte sich ausgiebig und leckte sich kurz über die Pfoten, um sich auf den Schnee vorzubereiten. Dann setzte er sich auf und trottete zu der ziemlich kleinen Kätzin, die verzweifelt versuchte, sich aus dem Schnee zu befreien. Sie konnte alles genau verstehen, denn sie hörte besser als jede andere Katze im Clan.

Plötzlich wurde sie von Zähnen an der Schwanzspitze gepackt und krallte sich unwillkürlich an den Wurzeln unter der Schneeschicht fest. Doch die Zähne zogen noch fester, bis sie sich bald nicht mehr halten konnte.

Dunkelpelz spuckte ein paar lange, seidige Haare aus. "Wieso hast du dich so festgehalten, als ich dir helfen wollte?", murmelte er leicht beleidigt. Seine Pfoten steckten ungefähr einen Jungenschritt im Schnee, anders als die von Vanillejunges, die gar nicht zu sehen waren. Sie ging bis zum Hals unter.

Ein spöttisches Lachen ließ sie zusammenzucken. Dunkelpelz verschwand wieder im Kriegerbau, als die Kätzin den Kopf Richtung Kinderstube drehte, obwohl sie genau wusste, dass es Korallenjunges war. Anscheinend war diese jetzt auch aufgewacht. Vanillejunges warf ihr einen bösen Blick zu.

Die cremefarben gefleckte Kätzin saß im Eingang des Baus. "Komm doch her, wenn du dich das traust!", forderte Vanillejunges sie auf. Ihr Schwanz peitschte hin und her und sie sah ihre Schwester nun an, als würde sie etwas Lebensgefährliches von ihr erwarten. Doch in dem Moment, als sie zu ihrer Schwester sprang, trippelte diese vorsichtig am äußeren Rand der Kinderstube entlang, wo kein Schnee lag. Vanillejunges folgte ihr neugierig mit großen, hohen Sprüngen, um sich durch die weiße Flockenlandschaft schnellstmöglich bewegen zu können.

Korallenjunges bahnte sich einen Weg hinter die Kinderstube und wusste anscheinend nicht, dass die cremefarben und goldbraun getigerte Kätzin ihr folgte.

Als Korallenjunges stehen blieb und Vanillejunges einen zufriedenen Blick zuwarf, kritisierte diese: "Du hast keinen Schnee berührt, also hast du verloren." Vanillejunges hopste herum und plötzlich schoss ihr eine Idee durch den Kopf: "Wie wäre es, wenn wir hier verstecken spielen? Das wird leicht!" Ohne auf eine Antwort zu warten, sprang sie los, das letzte, was man von ihr hörte, war ein "Zähle alle Beutetiere auf, die du kennst", dann war sie verschwunden.

Leise schlich die kleine Kätzin durch den Schnee mit einem großen Brombeerstrauch als Ziel. Er trug noch verwelkte braune Blätter, die ihr Fell perfekt tarnen würden. Nicht weit entfernt hörte sie Korallenjunges zählen: "Spitzmaus, Amsel, Spatz, Kaninchen, Drossel, Wühlmaus, Milch, Eichhörnchen, Amsel, Feldmaus, Milch, Feldmaus, Milch, Ratte, Dachs, Fuchs, Kaninchen, Eichhörnchen, Milch ..." Vanillejunges verkniff sich ein Lachen. Milch, Dachs, Fuchs und Ratte waren doch keine Beutetiere!

Sie machte sich so klein wie möglich, bevor sie sich durch die Dornen kämpfte. Doch plötzlich kreischte sie entsetzt und überrascht auf, als der Schnee unter ihr nachgab und sie in einen tiefen Tunnel stürzte. Als sie auf dem Boden aufkam, blieb sie reglos liegen, während ihre Glieder höllisch wehtaten. Korallenjunges hatte aufgehört zu zählen und starrte nun in den Tunnel. Wenig später hangelte sie sich den engen Schacht hinunter und beugte sich besorgt und entgeistert zugleich über ihre scheinbar tote Schwester.

"Vanillejunges? Vanillejunges! Vanillejunges!" Ihre Stimme wurde schrill. "VANILLEJUNGES! WACH AUF!" Sie rüttelte sie fest, doch es kam keine Reaktion. Vanillejunges gab keinen Laut von sich, während sie von ihrer Schwester wie ein Fuchs durch die Gegend geschleudert und getreten wurde. Und was macht sie, wenn ich mal wirklich tot bin? Dann bin ich ja innerhalb von wenigen Herzschlägen Krähenfraß! Und doch musste sie sich stark zurückhalten, um nicht aufzuspringen und Korallenjunges wegzustoßen, die sich nun hingelegt hatte und leise schniefte. Sie hatte aufgegeben. Sie schaute ihre Schwester nicht mehr an.

Diese Gelegenheit nutzte Vanillejunges und stand leise auf, um sich hinter die weinende Kätzin zu schleichen. Sanft leckte sie ihr Ohr, aber Korallenjunges schaute nicht auf. "Was ist denn passiert, Kleines?", miaute Vanillejunges. Wenn Korallenjunges auf diesen Streich reinfallen würde ...

"Meine Schwester, Vanillejunges ist tot! Tot! Tot! TOT!", schluchzte diese, dann stand sie auf und drehte sich zu der angeblichen Königin. "Moment ..." Dann wandte sie sich dem Fleck zu, an dem Vanillejunges vorhin gelegen hatte. "Du hast mich ausgetrickst!", stellte sie beleidigt und belustigt fest. Spielerisch warf sie sich auf ihre Schwester und die beiden rangen einen Moment, bis Korallenjunges schließlich Vanillejunges am Boden festnagelte. "Mach das nie wieder!", befahl sie.

Vanillejunges nickte. Dann drehte sie sich im Kreis und betrachtete die Höhle, in der sie gelandet war. Sie war riesig, und auf Felsvorsprüngen führten weitere Gänge in andere Höhlen. In der Mitte der Höhle floss ein Bach, der nicht zugefroren war, neben einem Teich, der mit einer Eisschicht überdeckt war. Neugierig tappte sie darauf zu. Elegant sprang sie über den Bach hinweg und landete dummerweise mitten auf dem Teich, doch die Eisschicht knackte nicht. Funkensprung hatte ihr erzählt, dass festes Wasser Eis hieß und dass es bei Gewicht knackte, bevor es manchmal einbrach. Sie schlitterte bis zum anderen Ende und blieb dann fröhlich stehen.

"Komm mal her! Das musst du ausprobieren!", rief sie Korallenjunges zu, sodass diese ebenfalls auf den Teich sprang und die beiden eine Weile über den Teich hin und her rutschten und sich gegenseitig schubsten.

"Das hat Spaß gemacht", keuchte Korallenjunges, als sie wieder ans Ufer kletterten. "Wie wär's, wenn wir da mal hoch schauen?" Sie deutete mit der Schwanzspitze auf ein Felsplateau, hinter dem ein schwarzes, großes Loch war.

Ihre Schwester stimmte zu und sprang mühelos auf den Stein, genau wie Korallenjunges. Das war echt eine coole Entdeckung gewesen! Hier könnte ihr Geheimversteck mit der cremefarben gefleckten Kätzin sein, und nur die beiden würden es kennen. Ein ganz persönlicher Bau. Doch wer mochte ihn gebaut haben? Vielleicht irgendwelche Urkatzen?

Ehe eine von beiden etwas sagen konnte, war Vanillejunges bereits im Loch verschwunden und blinzelte ein paar Mal, um ihre Augen an die plötzliche Dunkelheit zu gewöhnen. Da ergriff sie plötzlich ein starker Strom eines Flusses, der offenbar in diesem Loch lauerte. Panisch versuchte sie, zu stehen. Aber es war zu tief! "Korallenjunges! Hilfe!" war das einzige, was sie hervorbrachte, bevor sie wieder von den donnernden Fluten unter Wasser und ins schwarze Ungewisse gespült wurde.