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RASTLOSE VÖGEL ZWITSCHERTEN laut und friedlich, flogen überall wild herum und fütterten ihre piepsenden Jungen mit Regenwürmern und fetten Käfern, als sich Sandherz, eine schlanke, goldgelbe Kätzin aus dem FeuerClan, an eine nichtsahnende junge Maus anpirschte, die gerade an einem Samenkorn nagte. Vermutlich wollte sie sich einen guten Vorrat auftreiben, um nicht zu verhungern, während es kalt und lebensfeindlich wurde. Es war bereits Mitte Blattfall und die gefährliche, blattlose Zeit nahte. Hoffentlich verfehle ich die Maus nicht, hoffte Sandherz insgeheim und ihr Herz begann, aufgeregt schneller zu schlagen, als sie immer näher an das winzige Tier herankroch, tief geduckt und den buschigen Schwanz dicht an ihre Flanke gepresst, um keine vertrockneten Blätter aufzuwirbeln. Das Tier war ziemlich dick und würde dem Clan reiche Beute bringen.
Platz Plötzlich sprang die geschickte Kriegerin flink los und die kleine Maus quiekte entsetzt auf, doch ehe sie auch nur eine Pfote in Bewegung setzen konnte, hatte Sandherz sie bereits rasch getötet. Das angeknabberte Samenkorn lag noch immer da, als wäre überhaupt nichts gewesen. Zufrieden nahm sie ihre Beute zwischen die spitzen Zähne und trabte durch einige grünbraune Farnwedel, die im säuselnden Wind sanft hin und her wippten, zu dem schattigen Platz zurück, an dem sie bereits einige anderen Tiere erbeutet und tief in der kühlenden Erde verscharrt hatte. Neugierig scharrte sie im Boden unter dem verwelkten Efeustrauch und entdeckte – dem SternenClan sei Dank – immer noch die riesige Amsel und das dürre Kaninchen, das sowieso schon alt und zerbrechlich gewesen war. Wahrscheinlich wäre es sonst verhungert oder ein Fuchs oder ein anderes listiges Tier hätte es getötet und verspeist.
Platz Sandherz hob ihre noch warmen Fänge mit den Zähnen an und setzte mit stolz hoch erhobenem Kopf ihren langen Weg durch den grünen Wald fort. Sie steuerte das mit dichten Dornensträuchern geschützte Lager ihres Clans an, entschied sich aber vor ihrer Ankunft für einen ausschweifenden Umweg zu dem breiten Bach, der am anderen Ende ihres großen Territoriums unaufhörlich floss. Ich habe riesigen Durst und wirklich Lust auf frisches Wasser, schwärmte sie in Gedanken und musste unwillkürlich an die widerliche Pfütze hinter dem Kriegerbau denken, die sich dort schon seit etlichen Monden aus den stetigen Tropfen, die scheinbar für immer schon von einer knorrigen Eiche über dem Bau kullerten, sammelte. Das einst klare Wasser war schmutzig und hatte einen ekelhaften, bitteren Geschmack. Zum Glück wurde es nicht von den beiden Heilerkatzen Schimmerpfote und Taunase dafür verwendet, Büschel Moos darin zu tränken und somit die kranken Katzen mit ausreichend Flüssigkeit zu versorgen. Darauf konnte wohl jede anständige Katze bereitwillig verzichten.
Platz Sie vertrieb die unappetitliche Vorstellung aus ihrem Kopf und sprintete rasch in die Richtung, in der das kühle Nass lag. Fast schon angekommen und ziemlich stark keuchend sah sie jedoch plötzlich einen katzenhaften, schwarzen Schatten von den glitschigen Trittsteinen stürzen und elegant ins saubere Wasser gleiten, doch leider konnte sie trotz genauem Hinsehen nicht erkennen, was das wohl gewesen sein mochte. Sie war sich vollkommen sicher, dass es eine Katze gewesen war, sehr wahrscheinlich mit eher dunklem Fell. Vermutlich war ihre Heimat auch der FeuerClan, aber wem aus diesem Clan gefiel es denn schon, seinen schönen, warmen Pelz so furchtbar nass zu machen?
Platz Ist doch eigentlich egal, Sandherz! Du wolltes ein bisschen frisches Wasser trinken und nicht einen ganzen Blattwechsel lang darüber grübeln, ob irgendeine FeuerClan-Katze in den Bach gesprungen ist. Ich meine, es kann genauso gut auch ein recht großer, übertrieben anmutiger Frosch oder etwas Ähnliches gewesen sein, auf jeden Fall bist du hier gerade am Verdursten!, tadelte sie sich innerlich, aber ihre langen, weißen Schnurrhaare zuckten belustigt über sich selbst. Sie sprang einigermaßen ungeschickt zum leise und beruhigend sprudelnden Wasser, weil sie mit der vielen leckeren Beute im Maul ganz schön schwerfällig und unbeholfen wie eine hochschwangere Königin war. Als sie die schmackhaften Tiere beiseitegelegt hatte und ihre Stupsnase in den erfrischenden Bach tauchen wollte, bemerke sie auf einmal erschrocken, dass eine ganz kleine Menge frisches Blut im Wasser schwamm, dort, wo der geheimnisvolle Schatten gewesen war. Der flache Stein, auf dem die Katze wohl gesessen hatte, war ebenfalls mit hellrotem Blut beschmiert und roch nach irgendwelchen Kräutern. Sandherz vermutete verstört, dass ein verletztes Tier gewesen war, dass sich zuvor in feuchten Pflanzen mit intensivem Duft gewälzt hatte. Das ist echt seltsam.
Platz Immer noch bestürzt überredete sie sich in ihrem Kopf selbst, sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Vielleicht war es ein kleiner Fuchs oder so. Sie trank einen großen, wohltuenden Schluck der durchsichtigen, glänzenden Flüssigkeit, nahm ihre Fänge wieder ins Maul und trottete beunruhigt weiter, dieses Mal war ihr Ziel wirklich das Lager ihres Clans.
Platz Bring am besten Flammenpelz noch etwas davon mit, da sie bedauernderweise nicht einmal mehr zum Frischbeutehaufen laufen kann. Die Arme, sie ist schon so alt ... Sandherz hatte sich so an den fürsorglichen Gedanken gewöhnt, dass sie es anfangs nicht realisierte. Flammenpelz ... Die jähe Erinnerung riss schmerzhaft an ihrem Herz und die Trauer, die in unheilvollen Wellen über ihr krachend zusammenschlug, drohte sie zu ersticken. Ihre gutmütige Mutter Flammenpelz, die älteste und weiseste Katze im ganzen Clan, war erst vor zwei grauenhaften Sonnenaufgängen an eben diesem Grund gestorben. Wenigstens war sie glücklich gewesen und hatte keine großartigen Schmerzen gehabt oder war von einer mörderischen, feindlichen Katze getötet worden. Das verstößt gegen das Gesetz der Krieger. Außerdem hat sie das beim besten Willen nicht verdient, verdammter Fuchsdreck! Sie war so gütig, so liebevoll. Die feuerrote Kätzin war außergewöhnlich stark gewesen und hatte bis zum letzten, keuchenden Atemzug bitterlich um ihr wertvolles Leben gekämpft, als sie friedlich auf Sandherz’ warmer Flanke vom SternenClan zu sich genommen worden war.
Platz „Ach, Flammenpelz!“, heulte Sandherz mit zitternder und brechender Stimme in den vorher strahlend blauen Himmel, der nun einer dichten, weißen Wolkenschicht wich. Sie erwartete keine Antwort, nicht einmal vom SternenClan. Ein bedrücktes Wimmern drang tief aus ihrer Kehle und sie gab sich keine Mühe, es zu unterdrücken. Wie konnte eine unwichtige Katze wie sie das auch verdienen? Sie hatte jetzt niemanden mehr, der zu ihrer Familie gehörte. Erst war Bernsteinherz von ihnen gegangen. Bernsteinherz war ihr mutiger und heldenhafter Vater gewesen. Er war nie davor zurückgeschreckt, seine Grenzen zu verteidigen und war stets dem Gesetz der Krieger gefolgt, selbst wenn er dabei seine eigene Gesundheit vernachlässigt hatte. Außerdem war er immer freundlich und hilfsbereit gewesen und hatte der jungen Echoflügel immer eifrig dabei geholfen, Patrouillen einzuteilen, als sie noch die Zweite Anführerin des FeuerClans gewesen war. Bis er, in dem todesmutigen Versuch, das damalige unvorsichtige Junge Brandjunges aus dem reißenden Wasser des einst wilden Baches zu retten, ertrunken war. Damals hatte es viel zu viel geregnet und der Bach war bis auf seine dreifache Breite angestiegen. Brandjunges hatte sich frech aus dem Lager geschlichen und anscheinend entschieden, ein kaltes Bad zu nehmen. Sandherz schniefte wehleidig und ihre düsteren Gedanken wanderten zu ihrer süßen, kleinen Wurfgefährtin Schwalbenpfote, die sie ihr ebenfalls genommen hatten. Die zierliche, grau getupfte Kätzin war sehr ruhig, vorahnungsvoll und schlau gewesen, sie hatte Sandherz immer freundlich gezügelt, wenn sie wieder auf Entdeckungstour in verbotenen Gebieten losmarschieren wollte – genau wie Brandjunges. In einem blutigen Kampf gegen den feinlichen WasserClan war ihre wundervolle Schwester jedoch von Amselruf umgebracht worden, einem arroganten, blutrünstigen Fellball, der nur an sich selbst dachte. Als Sandherz an die grausamen Bilder dachte, die sich in ihrem Kopf formten, musste sie unfreiwillig würgen. Schwalbenpfotes hübscher Pelz, getränkt in ihrem eigenen, klebrigen Blut, leblos im Nacken zwischen den widerwärtigen Zähnen des triumphierenden Katers Amselruf baumelnd. Die entsetzte Flammenpelz, die Sandpfote keuchend festgehalten und zu sich gezogen hatte, um ihre lang ersehnte Rache zu verhindern. Die entsetzte Flammenpelz, die nun ebenfalls tot wie eine frisch erbeutete Spitzmaus war.
Platz Rasch zwang die in grauenhafte Gedanken versunkene Kätzin wieder, sich auf ihre mittlerweile erkalteten Fänge zu konzentrieren, die noch immer in ihrem Maul baumelten. Sie konnte jetzt nicht an ihre Familie denken, wo es doch gerade jetzt so wichtig war, Beute für die kommende Blattleere aufzutreiben und ihren hungrigen Clan gut mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Hör auf, Sandherz. Es führt zu nichts als zu noch stärkeren Gefühlen von Trauer. Schon zum zweiten Mal an diesem warmen Tag hatte sie den Zweiten Anführer Finstermond davon überredet, sie allein auf die Jagd zu lassen, weil sie eifrig versuchte, die Größe des schrumpfenden Frischbeutehaufens zu erhalten. Erst zögernd, hatte er ihr dann doch zugestimmt.
Platz Sie verfolgte weiterhin mit einem starr geradeaus gerichteten Blick ihr Ziel. Als sie fast zurück im gemütlichen Lager angekommen war, taten ihre kurzen Beine vom vielen Laufen bereits weh, und als wäre das nicht genug gewesen, durchfuhr sie auf einmal ein stechender Schmerz von den Ohren bis zur Schwanzspitze. Sie blieb stehen und ihre weiche Pfote schnellte beinahe automatisch zu ihrem Maul; die Maus, das Kaninchen und das Eichhörnchen ließ sie unwillkürlich auf den federnden Waldboden fallen. Was war ihrer Pfote zugestoßen? Hatte es der SternenClan auf sie abgesehen? Nein!
Platz Sie drehte beunruhigt ihr Vorderbein, betrachtete ihre weiße Pfote näher und entdeckte erschrocken einen tiefen Schnitt im Ballen, aus dem rasch jede Menge dickflüssiges und leuchtend rotes Blut strömte. Das war es also gewesen! Mit gleichmäßigen, eiligen Zungenstrichen leckte sie es ab und verzog das flauschige Gesicht wegen dem eisenähnlichen Geschmack. Dann suchte sie den mit rotgoldenen Blättern bedeckten Boden nach verdächtigen Gegenständen ab, auf die sie in ihrer Unachtsamkeit getreten sein könnte, da fand sie es: direkt unter ihrer Schulter lag ein kleines, eckiges und durchsichtiges Scheibchen, das so aussah wie ein flaches Eisstück mit sehr scharfen Kanten und spitzen Enden. Sie hatte keinen blassen Schimmer, was das sein sollte und was es zu bedeuten vermochte, aber es war ihr auf keinen Fall geheuer. Es sah gefährlich aus und sie wollte vermeiden, dass ihre unwissenden Clan-Gefährten sich vielleicht ebenfalls verletzten. Ihre bernsteinfarbenen Augen verengten sich zornig zu schmalen Schlitzen. Und dass ich noch mehr Katzen verliere, die mir am Herzen liegen.
Platz Sandherz beschloss kurz darauf, das unbekannte Objekt mit ins Lager zu bringen und der klugen Heilerin Taunase zu zeigen. Die weiße Kätzin würde mit Sicherheit wissen, was zu tun war. Ich hoffe, dass es schnell geht. Ich schlafe ja gleich im Stehen ein, stöhnte sie tonlos. Vorsichtig zog sie das Scheibchen mit den spitzen Zähnen aus dem Boden und versuchte mit aller Kraft, sich nicht daran die Zunge zu schneiden. Das Ding war leichter als erwartet und sie legte es vorerst mit voller Achtsamkeit ab, um sich um die Beute zu kümmern. Was mache ich nun damit?, fragte sie sich nachdenklich. Es wäre unmöglich, sie zusammen mit dem Scheibchen nach Hause zu bringen, weil es die kostbare Beute regelrecht aufschlitzen würde, deshalb entschied sie kurzerhand, sie erneut zu vergraben. Beim Gedanken an den erdigen Geschmack rannte ihr ein kalter Schauder über den Rücken, dennoch ignoriere sie ihn und scharrte mit den Krallen ein tiefes Loch in die feuchte Erde, warf die toten Tiere mit viel Schwung hinein und fegte die Erde wieder darüber. Das sollte passen. Ich habe nun mal keine andere Wahl.
Platz Ich muss endlich zurück zu meinem Clan! Ich habe mich lange genug ablenken lassen, rief sie sich dann beunruhigt in Erinnerung und preschte endlich ungehindert in Richtung des Dornengestrüpps, das ihr Lager umgab, ihr dicker Schwanz wehte wippend hinter ihr her und ihre Pfoten holten sehr weit aus, obwohl sie mit jedem riesigen Sprung ein kleines bisschen Blut verlor.
Platz „Taunase!“, keuchte sie erschöpft, als sie den Kopf durch die duftenden Ranken streckte und schlitternd zum Stehen kam. Statt eine Antwort zu bekommen, bemerkte sie verdutzt, dass sich ihre Clan-Gefährten um den riesigen Feuerstein versammelt hatten, einem Felsen, der majestätisch in der Mitte der sonnigen Lichtung in die Höhe ragte. Er war direkt vor dem Bau der Anführerin, Echostern, und genau diese Kätzin saß ruhig an seiner Spitze, den langen Schwanz behutsam auf die zitternden Schultern einer ängstlichen, rabenschwarzen Kriegerin gelegt. Sandherz erkannte sie sofort: Es war ihre beste Freundin Nachtschweif, die völlig durchnässt und mit langen Kratzern übersät vor Echostern stand. Sie sah noch erschöpfter aus als die sandfarbene Kätzin, die sofort Mitleid verspürte. Wer hatte ihr das nur angetan? Und warum saß sie dort, wo eigentlich nur die mutige Anführerin und ihr Stellvertreter, Finstermond hinaufdurften? Fragen über Fragen ... wie wäre es mit Antworten?
Platz Als Echostern ihrer Freundin irgendetwas Beruhigendes zuflüsterte, holte die verstörte Nachtschweif einmal tief Luft und begann verunsichert zu sprechen. Ihre Stimme klang, als habe sie einen schweren Kampf hinter sich, nach ihrem Aussehen zu urteilen, mochte das leider wahr sein.
Platz „Ich war im Wald und wollte nachdenken“, hob sie rau an. Ihr weiches Nackenfell sträubte sich und ihre Muskeln verkrampften sich. „Auf einmal wurde ich von einem unbekannten Tier angegriffen. Obwohl ich mich panisch umgeschaut hatte, war da nichts. Ich konnte mich nicht wehren, weil ich den Feind nicht sah.“ Ängstlich blickte sie um sich, als erwarte sie, jemand könnte sie erneut aus dem Hinterhalt attackieren.
Platz Entsetztes Getuschel machte sich auf der Lichtung breit und auch Sandherz stellte unwillkürlich ihr Rückenfell auf. Ein unsichtbares Wesen, das unschuldige Katzen angriff? War es vielleicht ... der Wald der Finsternis? Aber warum? Nachtschweif hat doch keiner Seele was zuleidegetan! Bestürzt starrte sie sie an und Wut übernahm ihre Gedanken. Wenn das so weitergeht, räche ich mich höchstpersönlich an diesen Geisterkatzen! Jeder einzelnen!, nahm sie sich erbost knurrend vor. Das hatte ja gerade noch gefehlt! Erst ihre geliebte Familie und jetzt ihre beste Freundin seit ihrer Schülerzeit! Dennoch darf ich das wegen dem Gesetz der Krieger nicht machen. Ihre Schnurrhaare erzitterten wütend.
Platz „Ich habe es zwar nicht gesehen, aber an der unglaublichen Größe seiner Krallen, die mich packten, konnte ich erschließen, dass das Tier riesig war. Und ... schnell“, fuhr Nachtschweif schaudernd fort.
Platz „Ist dir das schon öfter passiert?“, rief Honigwolke verunsichert zum Feuerstein hoch, Sorge lag in seinem Blick. Er hatte den Schwanz schützend um Rauchbach und ihre Jungen gelegt.
Platz Die schwarze Kriegerin nickte. „Ja“, bestätigte sie. „Deswegen möchte ich es euch allen erzählen. Ich habe herausgefunden, wie man es besiegen kann.“ Die FeuerClan-Katzen raunten erstaunt und ein wenig Erleichterung huschte auch über Honigwolkes angespanntes Gesicht. „Ihr dürft euch nicht wehren. Wenn ihr euch wehrt, versucht es, euch zu töten, wenn nicht, lässt es euch in Ruhe.“
Platz „Warum ist das so?“, wollte Distelmond entgeistert wissen. Ihre leuchtend grünen Augen waren weit aufgerissen und ihr langer Schwanz peitschte beunruhigt hin und her. Vermutlich sprach sie gerade die Bedenken des ganzen Clans aus, und auch Sandherz zweifelte an der seltsamen Theorie. Wenn eine Katze nicht versuchte, sich in einem Kampf gegen einen Wald-der-Finsternis-Krieger zu verteidigen, würde das doch mit Sicherheit im Tod enden. Oder etwa nicht? Dreht sie wegen der panischen Angst durch?
Platz Leicht verlegen und mit einer wegwerfenden Schwanzgeste schüttelte Nachtschweif den nassen Kopf, kleine Wasserperlchen spritzten von ihren weißen Schnurrhaaren durch die Gegend. „Das weiß nur der SternenClan“, erklärte sie bedauernd. „Ich vermute aber, dass es mich – uns – selbst nicht sehen kann. Es kann uns aber hören, wenn wir uns bewegen oder so.“ Sie schüttelte ihren dichten Pelz, wieder flogen winzige, feine Wassertröpfchen glitzernd durch die Luft. „Aber was rede ich da? Wahrscheinlich verliere ich langsam den Verstand und bilde mir das alles nur ein.“ Konnte sie Sandherz’ Gedanken lesen? Es war gut möglich. Die Kätzin stand langsam auf und kletterte umständlich und mit einem traurigen Gesichtsausdruck vom Feuerstein. Ein auffälliger Blutfleck in der größe einer Maus lag dort, wo sie bis zu diesem Moment gesessen hatte. Sandherz erschrak und sog scharf die Luft ein. Sie sollte sich untersuchen lassen!
Platz Echostern richtete sich ebenfalls auf und starrte ihr beklommen hinterher. „Wo willst du denn hin?“, fragte sie laut und bittend. „Ich bin mir sicher, dass das alles einen Grund hat. Du bist eben etwas Besonderes.“ Hoffnung lag in ihrem Blick, als wollte sie, dass Nachtschweif sich umdrehte und ihre Sorgen und Ängste einfach vergaß.
Platz Doch genau das passierte nicht. Sie wirbelte zwar herum, sah jedoch alles andere als besänftigt aus. Wut blitzte in ihren schimmernden, grünen Augen auf und Sandherz stand mit ihrer ganzen Kraft hinter ihr. Ihre beste Freundin hatte schon irgendwie Recht und es war unlogisch, das einfach kühl zu ignorieren. „Wisst ihr was?“, fauchte Nachtschweif gekränkt und ließ den Blick über alle ihre Clan-Gefährten schweifen, als er schließlich bei Sandherz stoppte und etwas weicher wurde. „Ich ... ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Natürlich komme ich euch dumm vor. Warum nicht? Wenn jemand einfach so erzählt, dass sie von unsichtbaren Geistern angegriffen wird. Sehr witzig! Warum belügst du mich, Echostern?“, kreischte sie abschließend schrill und stürzte durch die Dornenranken. Sandherz konnte gerade noch ihre dunkle Schwanzspitze erkennen, dann war sie im lichten Wald verschwunden. Sehr gut! Lass dich nicht hängen! Sandherz wusste, dass ihr nichts zustoßen würde, das hatte sie in den letzten Blattwechseln definitiv gut mitgekriegt.
Platz Flockenschweif, ihre fürsorgliche Schwester, räusperte sich nervös. „Äh – weiß jemand, was mit meiner Wurfgefährtin los ist? Sie benimmt sich schon seit einer Weile so seltsam. Sandherz? Ihr seid doch beste Freundinnen.“ Besorgt wandte sie sich der sandfarbenen Kätzin zu und alle Augen fielen fragend auf sie.
Platz „Nein, ich habe keine Ahnung, was passiert ist“, antwortete diese beunruhigt. Nachtschweif hatte sich seltsam benommen? Das war ihr neu. In letzter Zeit war ihr wirklich nichts aufgefallen. Ich weiß, dass sie draußen im Wald sicher ist. So kenne ich sie. Aber ihr triefendes Fell ... und der katzenhafte Schatten ... War sie es gewesen, die in den tiefen Bach geglitten war, als sie Sandherz gesichtet hatte? Das war die einzige logische Erklärung. Warum hat sie das getan? Und wieso hat sie sich mir gegenüber nicht so außergewöhnlich verhalten, ihren eigenen Geschwistern gegenüber aber schon? Vermutlich, weil sie seit ihrer Schülerzeit bereits wie Seelenverwandte gewesen waren. Die beiden hatten sich alle ihre Geheimnisse und Zweifel anvertraut und die meiste Zeit miteinander verbracht. Sie waren selbst füreinander da gewesen und verspürten die gleiche Zuneigung füreinander wie Schwestern. Das konnte ein plausibler Grund sein.
Platz Donnerjunges, ein kleiner, feuerroter Kater, wand sich aus dem beschützenden Griff seiner Mutter Rauchbach und trat selbstbewusst vor. Als sich alle Katzen zu ihm umdrehten, wich dieses Selbstbewusstsein eher Nervosität und er trat zögernd von einer Pfote auf die andere. „Ich könnte helfen“, begann er verlegen. „Ich habe es mit Wolkenjunges ausprobiert. Wenn ich die Nase an die Schnauze einer anderen Katze lege, kann ich in ihren Gedanken wandeln.“
Platz Er kann was? Als Sandherz sich erschrocken umsah, bemerkte sie, dass es den anderen Katzen ebenso ging. Anscheinend hatte der SternenClan dem jungen Kater eine besondere Bestimmung vorgesehen und ihm daher eine wertvolle und seltene Gabe verliehen. Aber warum er? Könnte das vielleicht etwas mit Nachtschweif zu tun haben? Es kann doch sein, dass sie Teil einer Prophezeiung sind.
Platz Donnerjunges fuhr etwas ermutigt fort und schlug seinen kurzen, flauschigen Schwanz wild in der Luft hin und her. „Vielleicht kann ich mit dieser Fähigkeit das Wesen in Nachtschweifs Kopf sehen und besiegen. Ich bin zwar nur ein kleines Junges, aber die Chancen bleiben erhalten.“
Platz „Donnerjunges“, keuchte Rauchbach fassungslos. „Sieh, was es einer gesunden, kräftigen Kriegerin angetan hat. Du willst dich doch nicht etwa umbringen.“ Die Königin sprach das letzte Wort aus, als würde das Schicksal aller Katzen davon abhängen. Bestürzt eilte sie auf ihren Sohn zu, der ihr entschlossen ins Gesicht starrte und sich weigerte, mit ihr in die Kinderstube zu trotten, auf die sie mit ihrem gesträubten Schwanz deutete.
Platz Seine Ohren zuckten verärgert. „Keine Angst“, widersprach er. „Ich weiß genau, was ich tue. Wenn es zu gefährlich wird, kann ich jederzeit flüchten. Außerdem“, er sah jeder einzelnen Katze auf der Lichtung wissend in die neugierigen Augen, „kann man sich überhaupt nicht einmal sicher sein, ob es sich wieder blicken lässt.“ Seine buschige Schwanzspitze wedelte zufrieden herum und ließ einige vertrocknete, goldene Blätter rascheln.
Platz Jeder im Lager stand still, die frische Luft schien vor der negativen Spannung nur so zu knistern. Was kann er schon ausrichten?, zweifelte Sandherz außer sich. Er ist gerade mal zwei Monde alt. Er hat wirklich keine Idee, wie gefährlich dieses seltsame Wesen sein kann. Ein leiser Anflug von Verärgerung beschlich sie. Wahrscheinlich wollte das eingebildete Junges nur ein weiteres Mal angeben und malte sich deswegen übertriebene Geschichten aus.
Platz Auch Echostern glaubte dem kleinen Kater nicht wirklich. Sie streckte die helle Brust heraus und erhob mit einem drohenden Unterton die Stimme. „Lasst sie vorerst in Ruhe. Sie möchte bestimmt alleine sein. Hiermit erkläre ich dieses Clan-Treffen als beendet.“ Die Anführerin schnippte leicht verärgert mit dem Schwanz und bewegte sich anmutig auf ihren Gefährten Finstermond zu, der am Fuße des Felsens gesessen hatte und ihr nun liebevoll schnurrend das kleine Ohr ableckte.
Platz Die Katzen des FeuerClans verteilten sich rasch und ohne auch nur einen Herzschlag länger zu warten wieder. Ginsterfell und Federherz zogen sich jammernd in den Ältestenbau zurück, der aus einigen sorgsam ineinander verflochtenen Zweigen und Blättern bestand. Rauchbach eilte leise flüsternd in die Kinderstube zurück und scheuchte dabei sanft ihre Jungen und Ziehjungen vor sich her. Wolkenjunges, Schlangenjunges, Gewitterjunges, Mausjunges und Birnenjunges hoppelten aufgeregt herum, folgten der grauen Kätzin jedoch gehorsam in den Bau. Donnerjunges protestierte zunächst energisch, aber da ihm sowieso keiner Glauben schenkte, gab er es irgendwann frustiert auf. Schimmerpfote und Taunase tappten schweigend Seite an Seite in die große, kühle Höhle unter dem Feuerstein, die den Heilerbau ausmachte und erinnerten damit Sandherz an das, was sie eigentlich vorgehabt hatte.
Platz Das Scheibchen! Ganz durcheinander nahm sie es vorsichtig zwischen die Zähne und trabte müde den beiden Heilerkatzen hinterher. In dem aufgewühlten Gespräch mit ihrem Clan hatte sie es ganz vergessen und ihre verletzte Pfote begann plötzlich wieder, zu schmerzen. Das bereits getrocknete Blut hatte aufgehört, zu fließen, ihr fast weißes Fell war dennoch tiefrot gefärbt. Ich hoffe, es entwickelt sich zu nichts Schlimmem.
Platz Taunase hob träge den Kopf, als sie eintrat. „Was gibt’s, Sandherz?“, erkundigte sie sich freundlich und kam ihr besorgt entgegen. Als die Kriegerin ihr kurzes Bein hob und sie den tiefen Schnitt erblickte, weiteten sich ihre ohnehin schon großen, graugelben Augen entsetzt und sie schnappte erschrocken nach Luft. „Das sieht schlimmer aus, als es ist“, beruhigte sie sich selbst leise. „Das liegt nur an dem getrockneten Blut.“ Sandherz hoffte insgeheim, dass das auch stimmte.
Platz „Was ist los?“, wollte ihre aufgeweckte Schülerin Schimmerpfote neugierig wissen und schob sich energisch an ihr vorbei. Auch sie starrte zunächst Sandherz’ Wunde an, fing sich dann aber wieder und ihre türkisgrünen Augen begannen stolz zu leuchten. „Ich weiß, was zu tun ist! Sandherz, ich mache dir gleich mal einen Umschlag aus Schachtelhalm, Ringelblume und Goldrute. Das säubert den Schnitt. Du darfst nicht daran lecken und musst bei Sonnenuntergang nochmal kommen, dann reibe ich dir Ampfer drauf. Ampfer beugt eine Infektion vor, das ist ganz gut dafür.“ Aufgeregt sauste sie in den schmalen Felsspalt, in dem sie und ihre Mentorin die duftenden Kräuter aufbewahrten. Taunase stand nur verblüfft da und starrte ihr sprachlos hinterher.
Platz Sandherz schnurrte amüsiert. Die einfallsreiche, junge Kätzin war sehr fleißig und liebte es, ihren Heilerpflichten nachzugehen. Manchmal war sie sogar zu eifrig und überanstrengte Taunase, worauf sie ihr oft Mohnsamen gegeben hatte, um sie zu beruhigen. Ich frage mich, wann sie ihren Heilernamen bekommen wird, überlegte Sandherz verträumt. Mit Sicherheit wird sie einmal eine großartige Heilerkatze sein.
Platz Mit der Geschwindigkeit eines flinken Kaninchens hoppelte Schimmerpfote zu ihr zurück, ein grünes Kräuterbündel im Maul. Sandherz konnte nichts erkennen, aber die Gerüche waren fantastisch. Die meisten Katzen im Clan hassten Kräuter, doch sie wusste nicht, was daran so schlimm sein sollte. Für sie rochen sie beinahe so gut wie leckere Frischbeute. Als sie noch ein Junges gewesen war, hatte sie auch oft darüber nachgedacht, keine Kriegerin zu werden, aber Nachtjunges hatte sie schlussendlich doch überredet. Die Heilerschülerin begann schnell, die Goldrute, die Ringelblumen und den Schachtelhalm zu zerkauen und in einen großen Farnwedel zu verpacken, der am Rand des felsigen Baus wuchs. Dann wickelte sie den fertigen Umschlag um Sandherz’ Ballen, was sich ziemlich seltsam anfühlte und kitzelte.
Platz „Wie war ich?“, fragte die rauchgraue Kätzin ihre Mentorin, welche sofort zustimmend nickte.
Platz „Das hast du wunderbar gemacht“, verkündete sie anerkennend. „Ich denke, deine Zeremonie in der Mondhöhle kann in ein paar Monden stattfinden. Du lernst sehr schnell und bist sehr hilfsbereit.“ Sie wandte sich Sandherz zu. „Was sie gesagt hat, war goldrichtig. Komm einfach bei Sonnenuntergang wieder und versuche bis dahin, die Pfote so wenig wie möglich zu belasten. Wenn der Umschlag abfällt, macht das nichts.“ Sie lächelte zuversichtlich und reckte ihren geknickten Schwanz weit in die Höhe.
Platz Sandherz stutzte. Wie sollte sie denn damit herumlaufen? Das ist ja dumm! Nervös leckte sie sich das lange, weiche Brustfell. Trotz ihrer Zweifel sagte sie jedoch nichts, sondern schob das merkwürdige Scheibchen vor die Nase der Heilerin. „Da bin ich draufgetreten“, erklärte sie betreten. „Weißt du, was das ist?“ Hoffnungsvoll betrachtete sie das Ding erneut. Wenn sie es nicht weiß, dann weiß es keiner.
Platz Taunase untersuchte das Scheibchen ebenfalls und Verwirrung trat in ihren Blick. „Hmm“, machte sie langsam und nackdenklich. „Ich schätze, dass das hier eine Glasscherbe ist.“
Platz Glasscherbe. Sandherz formte das neue Wort lautlos mit ihren Lippen. ‚Scherbe‘ kenne ich. Das ist so etwas wie ein Splitter. Aber Glas? Was ist das? Vermutlich war es eine eisähnliche Scheibe, die nicht kalt war und die es so in der freien Natur nicht gab. Daher müsste doch auch der Begriff ‚Scherbe‘ kommen. Weil es ein Splitter von einer größeren Glasscheibe war. Das war alles echt verwirrend! „Heißt das, dass die Zweibeiner das in den Wald gebracht haben?“, folgerte sie blitzschnell. Die Zweibeiner, immer die Zweibeiner! Die Pelzlosen nahmen nie Rücksicht auf ihre kostbare Umwelt und verschmutzten den wunderschönen Wald mit ihrem ekelerregenden Müll. Was dazu führt, dass wir Katzen uns verletzen. Verächtlich zuckte sie mit ihren Ohren.
Platz „Genau“, bestätigte die weiße Kätzin zustimmend und drehte sich kurz um. „Ich verstaue die Scherbe vorerst hinten im Bau, damit sich keine anderen Katzen daran verletzen.“ Sie tappte durch einen kleinen Tunnel in der hinteren Ecke der Höhle und man konnte hören, wie sie das zerbrechliche Etwas irgendwo ablegte, weil es auf dem steinigen Boden recht laut klimperte. Dann steckte Taunase ihren Kopf aus dem breiten Loch. „Schimmerpfote, könntest du vielleicht noch etwas Katzenminze sammeln? Unsere Vorräte gehen zu Neige und Schwefelnachts Husten ist schlimmer geworden.“
Platz Die Arme. Sandherz erschauderte. Schwefelnacht war vor ungefähr einem halben Mond an dem verhältnismäßig ungefährlichen Weißen Husten erkrankt, der sich dennoch jederzeit zu Grünem Husten entwickeln konnte. Die dunkelgraue Kätzin war aber außerordentlich stark und eine kleine Krankheit konnte ihr nichts anhaben. Oder etwa doch?
Platz „Natürlich.“ Die Schülerin machte sich immer noch mit viel zu viel Energie auf in den Wald, um nach dem kostbaren Kraut zu suchen.
Platz Als Sandherz humpelnd zurück auf die Lichtung treten wollte, hielt Taunase sie mit einem schnellen Ruf zurück. Was will sie denn jetzt schon wieder? Sie stöhnte entnervt. „Warte! Würdest du bitte Kristallpfote und Windpfote sagen, sie sollen die Ältesten von den Zecken befreien?“, bat die Heilerin. „Sie waren diesen Mond noch gar nicht dran.“ Ihre Schnurrhaare zuckten belustigt.
Platz Die sandfarbene Kriegerin nickte zuverlässig und machte sich auf den Weg zum Schülerbau. Heiliger SternenClan, war das gerade anstrengend, seufzte sie erschöpft. Eigentlich wollte ich vorhin ja direkt ins Lager und mich in mein weiches Nest kuscheln, aber das hat sich wohl wegen den vielen chaotischen Ereignissen verzögert. Und jetzt fühle ich mich, als würde ich gleich auf meinen Pfoten umkippen und bis zur nächsten Blattfrische schlafen können. Sie trennte sie dünnen Zweige, die von der oberen Kante des Eingangs zum Schülerbau herabhingen, und vier kleine Köpfe schossen verschlafen in die Höhe. Himmelpfote, Wacholderpfote, Windpfote und Kristallpfote starten sie beklommen an und blinzelten sich den Schlaf aus den Augen. Wieso sind sie nicht ihren Pflichten nachgegangen? Sandherz war verärgert. Wenn sie doch nur mehr wie Schimmerpfote wären!
Platz „Kristallpfote, Windpfote“, zählte sie die Kätzin mit dem abstehenden weißen Fell und den hellgrau getigerten Kater auf, die sich langsam fragend rekelten und aufstanden. „Taunase meinte, ihr sollt die Ältesten nach Zecken untersuchen. Bestimmt hat sie etwas Mäusegalle für euch beiseitegelegt.“
Platz Windpfotes Wurfgefährten, Himmelpfote und Wacholderpfote, ließen die Köpfe wieder auf ihre kleinen Pfoten fallen und begannen sofort wieder, laut zu schnarchen. Widerwillig rümpften die beiden anderen die Nasen, schleppten sich dennoch aus dem Bau und quer durch das Lager. Sandherz bekam einen Anflug von Nostalgie, als sie sich an ihre eigene Schülerzeit und an ihre häufigen Besuche im Ältestenbau erinnerte. Nachtpfote und sie hatten es geliebt, den älteren Katzen Streiche zu spielen und hatten deshalb sehr oft als Strafe die schlimmsten Aufgaben, die man sich ausdenken konnte, übernehmen müssen. Trotzdem hatten sie die spannenden Geschichten von Asternblüte, Federherz, Falkenfell und Zitterschweif geliebt. Die vier Katzen waren bereits sehr alt gewesen und Asternblüte und Zitterschweif waren kurz vor Nachtpfotes und Sandpfotes Ernennung zu Kriegern gestorben, während Falkenfell kurz darauf bei einem grausamen Brand, der im ganzen Wald gewütet hatte, ums Leben gekommen war. Sandherz schniefte traurig. Immerhin sind sie jetzt glücklich und wandeln beim SternenClan ... oder wie war das bei Kieselpelz’ Eltern? Den Sonnenspringern? Kieselpelz und seine Eltern, Falkenfell und Zitterschweif, hatten ursprünglich in einem Stamm namens ‚Stamm der blühenden Rose‘ gelebt, wurden dort aber vertrieben und waren zum FeuerClan geflüchtet. Sandherz kannte sich bei Stämmen nicht so gut aus, wusste aber, dass sie ihre eigene Form des SternenClans hatten: Die Sonnenspringer, leuchtende Katzen, die angeblich auf den flauschigen Wolken Fangen spielten. Sie waren wohl der SternenClan für alle Katzen außerhalb der Clans, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie dummen Hauskätzchen, die am Rande ihres Territoriums manchmal ihre Runden zogen, an irgendwelche Geisterkatzen glaubten. Auch wenn es vollkommen logisch ist.
Platz Sie schüttelte sich. Ist ja eigentlich auch egal ... Sie gähnte ausgiebig und schlurfte in die Richtung des Kriegerbaus. „Ich leg mich ein bisschen hin“, informierte sie Finstermond, der ihr wohlwollend zunickte. Dann ließ sie sich in ihr warmes, bequemes Nest fallen und war dankbar über das federnde Moospolster und die weichen Farnwedel, mit denen es ausgepolstert war. Die breiten Blätter, die an der Decke des Baus hingen, raschelten gleichmäßig und wippten taktvoll im schwachen, warmen Wind, der durchs Lager zog. Sie war allein im Bau. Zum Glück. Die Kriegerin rollte sich mit letzter Kraft zusammen, legte die flauschige Schwanzspitze über ihre in dem Umschlag eingewickelte, schmerzende Pfote und sank im Nu in einen tiefen, angenehmen Schlaf.

Dunkler Himmel (Sunny)